Kindersoldaten in der Schweiz?

In Ziefen, Reigoldswil und Olten, aber auch in andern Orten führen Schiessklubs Kurse für Kinder ab 10 Jahren durch mit Sturmgewehr der Armee und Pistolen. Es wird wohl kein anderes Land auf der Welt geben, wo die offizielle Regierung das unterstützt, ausser in Drittweltländern, in denen Terroristen und Kindersoldaten ausgebildet werden. Am 9. Juni 2008 musste BR Samuel Schmid dazu Stellung nehmen, da ihm Strafrechtsprofessor und Oberst der Schweizerarmee Prof. Dr. Daniel Jositsch diese Frage stellte. Dieser nahm das Thema auf und brachte das in der Fragestunde vom 9.6.2008 vor den Bundersrat. Offiziell darf in der Schweiz bereits ab Alter 8 geschossen werden (Rundschau Juni 2009)

Ein neuer Vorstoss ist im Rat in Vorbereitung!

In der Basellanschaftlichen Zeitung

© Basellandschaftliche Zeitung / MLZ; 16.06.2008; Seite 1

Region

Schiess-Debatte erreicht Bern

Christian Recher, der sich daran stört, dass in Ziefen Zehnjährige eingeladen werden, sich mit dem Schiesssport vertraut zu machen, hat mit seinem Missmut nun in Bern Gehör gefunden. Der Zürcher SP-Nationalrat Daniel Jositsch hat Rechers Anliegen aufgenommen und Bundesrat Samuel Schmid damit konfrontiert. Weil Jositsch mit der Antwort des zuständigen Bundesrats aber nicht zufrieden ist, erwägt er nun, eine parlamentarische Initiative aufs Papier zu bringen. Recher versteht nicht, dass in einer Zeit zunehmender Gewalt Zehnjährigen eine Waffe in die Hand gedrückt werden soll. Von anderen Parlamentariern erhielt er wenig «Schützenhilfe». (bz) Seite 17

© Basellandschaftliche Zeitung / MLZ; 16.06.2008; Seite 17

Ziefen liefert Debatten-Munition

Schnupperschiessen Anlass für Zehnjährige beschäftigt National- und Bundesrat

von Daniel Haller

Christian Recher, der in Ziefen gegen das Schnupperschiessen für Kinder kämpft, konnte sein Thema auf nationaler Ebene deponieren: Der Bundesrat musste in einer Fragestunde zum Sturmgewehr in der Hand von Zehnjährigen Stellung nehmen.

«Waffen gehören nicht in Kinderhände», empörte sich Christian Recher im März über ein Schnupperschiessen für Jugendliche in Ziefen. Er wurde aktiv und erzielte Resonanz. Vorläufiger Höhepunkt: Bundesrat Samuel Schmid nahm während der Sommersession zu einer Anfrage des Zürcher SP-Nati-onalrats Daniel Jositsch Stellung.

Als erster hatte sich Recher an die Presse gewandt, entsetzt darüber, dass beim Schnupperschiessen Kinder ab zehn Jahren angesprochen werden (bz vom 22. März). Dann wandte er sich per Mail an Parlamentarier. «Anita Fetz hat mir Tipps geschickt, wie ich weiter vorgehen könne. Von Susanne Leuten-egger Oberholzer gabs nur eine Lesebestätigung und später Werbung für Abstimmungen.» Als nächstes schrieb Recher der Zürcher SP-Nationalrätin Chantal Galladé, da sie im Dezember eine Motion «Keine Waffen für Jugendliche unter 21 Jahren» eingereicht hatte. Auch die elf Mitunterzeichner der Motion erhielten Post von Recher. «Die Antwort steht noch aus.»

Schützenhilfe aus Zürich

Schliesslich übergab Rechers Sohn dem Zürcher Strafrechtsprofessor und SP-Nationalrat Daniel Jositsch Presseartikel zum Ziefener Jugendschiessen. Jositsch fragte vor einer Woche › auf Ziefen Bezug nehmend › den Bundesrat: «Ist es zulässig, Schiessübungen mit zehnjährigen Kindern durchzuführen?» und «Erachtet es der Bundesrat als zweckmässig, zehnjährige Kinder mit dem Umgang mit Schusswaffen vertraut zu machen, oder sieht er gesetzgeberischen Handlungsbedarf?» 

«Kein Handlungsbedarf»

Bundesrat Samuel Schmids Antwort: Der Bund könne Jugendschiessen für Teilnehmende ab dem zehnten Altersjahr unterstützen, indem er Kaufmunition ausgebe und das Sturmgewehr 90 ausleihe. Solche Schiessübungen dürften aber nur anerkannte Schiessvereine durchführen. «Beim Jugendschiessen wird der Jugendliche durch erfahrene Betreuer (...) begleitet und angeleitet. (...) Die Kinder erhalten keine eigentliche Waffenausbildung.» Damit würden sich die Jugendschiessen vom Jungschützenwesen unterscheiden, denn diese «Kurse gehören zur vordienstlichen Ausbildung und haben eine militärische Komponente». Fazit: «Aus Sicht des Bundesrates besteht kein gesetzgeberischer Handlungsbedarf.»

«Schiessen ist Sport»

Jositsch hakte nach: «Könnten Sie sich (...) nicht vorstellen, dass es für die Entwicklung eines Kindes im Alter von zehn Jahren allenfalls nicht besonders zweckmässig sein könnte, wenn es darin ausgebildet wird, wie man eine Schusswaffe gebraucht, die doch letztlich keinen anderen Zweck haben kann als zu töten?» Worauf Schmid betonte: «Schiessen ist Sport. Ich habe in meiner Antwort bereits gesagt, dass hier keine Waffenausbildung betrieben wird.» In einer Verantwortungsbewussten Einführung in den Schiesssport liege «durchaus auch ein erzieherisches Moment drin».  (Jede andere Antwort hätte BR Sämi Schmid wohl zum Denken gezwungen Anm. CR)

Bald Parlamentarische Initiative?

Jositsch ist mit der bundesrätlichen Antwort nicht zufrieden und überlegt sich, eine parlamentarische Initiative zu formulieren. Diese müsse er noch mit der Motion des Genfer Nationalrats Jean-Charles Rielle zum gleichen Thema koordinieren.

Christian Recher hat es also geschafft, sein Anliegen in der nationalen Politik zu deponieren › ein Beispiel, wie ein Einzelner etwas bewegen kann, vor allem wenn er den richtigen Zeitpunkt trifft: Die Diskussion, ob das Sturmgewehr in den Schrank oder ins Zeughaus gehört, bietet ein gutes Umfeld für Rechers Kampf. «Ich bin nicht gegen das Militär», stellt er klar. «Aber Waffen gehören nicht in die Hand von Privatpersonen › und schon gar nicht von Kindern.»

...Und die Basler-Zeitung...

Kinderschiessen erhitzt die Gemüter

In der Oberbaselbieter Gemeinde Ziefen schiessen Zehnjährige mit dem Sturmgewehr. Am Ziefner Schnupperschiessen prallen dabei zwei Philosophien aufeinander: Der Schützenverein will Junge möglichst früh für den Schiesssport gewinnen, Gegner halten Gewehre für nicht kindergerecht.

Das Rezept von Jungschützenleiter Ruedi Bolliger ist eine Mischung aus strenger Disziplin und väterlicher Betreuung der Jungschützen. Ziefens Gemeindepräsident Markus Gutknecht lobte die Schützen für ihre Jugendarbeit und ihr aktives Mitmachen am Dorfleben.

Mit seinem Schnupperschiessangebot für Kinder ab zehn Jahren reizt die Schützengesellschaft die Alterslimiten des Schweizer Schiesssportverbands aus (die Limite beim Sturmgewehr liegt bei zehn Jahren). Dies bringt den Ziefner Informatiklehrer Christian Recher in Rage: «Scharfe Waffen gehören nicht in Kinderhand. Kinder müssen so lange wie möglich Kinder bleiben», sagte er. Offenbar sei es für Kinder und Jugendliche einfacher, an Waffen zu kommen als an Tabak und Alkohol.

Zur Frage, ob Zehnjährige reif genug für Sturmgewehre sind, erklärte Emanuel Isler, Chefarzt des kantonalen Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienstes: «Das ist entwicklungspsychologisch fragwürdig. Aber das ist meine persönliche Meinung, wissenschaftliche Untersuchungen zu dieser Frage sind mir nicht bekannt.»

Abstimmung vom 10.04.2008 bis 18.04.2008: 150 JA zu 358 NEIN

Leserbriefe

Ziefen liefert Debattenmunition
Ich finde es toll dass in der Schweiz ein einzelner Bürger sich beim Bundesrat Gehör verschaffen kann. Recher hat natürlich recht, Waffen gehören nicht in Kinderhände. Dass Schiessen zur Tradition gehöre, finde ich kein stichhaltiges Argument
Madeleine Askew, la Tronche (Frankreich)
   19.06.2008 19:27   (bz vom 21.6.2008)

Ziefen liefert Debatten-Munition
Es ist bekannt dass Jugendliche unfähig sind schwerwiegende Entscheidungen zu treffen. Sie sind daher auf grenzen-ziehende Eltern angewiesen. Wo aber die Autorität fehlt - handeln Kinder unberechenbar. Waffen gehören niemals in Kinderhände.
Elisabeth Chaproniere, Manchester UK
      18.06.2008 18:36

© Basellandschaftliche Zeitung / MLZ; 28.06.2008; Seite 52

Briefe an die bz

Sinnvolle Jugendarbeit?

Zur Kontroverse um die Waffenausbildung von Jugendlichen

Sinnvolle Jugendarbeit? Während ich in der Zeitung von fünf Toten bei einem Amoklauf in den USA lese, wird über Radio DRS berichtet, dass Amerika das «Menschenrecht auf Waffenbesitz» vom Obersten Gericht absegnen liess. Amerika, das Land der Freiheit und Demokratie und der Erfinder des Weltfriedens? Die (Narren-)Freiheit jedes Einzelnen, alles abzuknallen, was ihm in den Weg kommt?

In den USA kommen auf 350 Mio. Einwohner 250 Mio. Waffen. Die Schweiz belegt Platz 2 mit mindestens 2,5 Mio. Waffen in Privatbesitz auf 7 Mio. Einwohner. Das heisst, nur in den USA sind die Einwohner noch grössere Waffennarren.

Wieso sind ausgerechnet diejenigen, die schon seit hunderten von Jahren keinen Krieg mehr im eigenen Land erlebten, die keine Vorfahren haben, die ihnen das Grauen eines Krieges lehren konnten, die grössten Waffennarren? Offenbar gehören viele Schweizer zu den «Friedensgeschädigten». Sie gehören mit den Amerikanern zu den grössten Waffenschiebern.

Wenn sich in Russland mächtige Gruppen rücksichtslos finanzielle Vorteile verschaffen, redet man von «Mafia». Wieso redet man in den USA nur von der Waffen-«Lobby»? Sind sie in den USA weiss gewaschen, nur weil sie in der Regierung sitzen? Nun wissen wir, dass die Amerikaner zum Teil von den bewaffneten Cowboys in der wilden Prärie abstammen. Aber haben unsere Vorfahren, die Kuhhirten, die Kühe auch mit Waffen gehütet? Wenn Bundesrat Sämi Schmid findet, es habe Tradition, wenn bei uns 10-jährige Kinder im Schiessen mit Sturmgewehren ausgebildet werden, dann hat er erstens im Geschichtsunterricht nicht aufgepasst, denn unsere Vorfahren hatten eine Armbrust, eine Helebarde oder einen Morgenstern, und zweitens weiss er nicht, dass Traditionen von gestern ein schlechter Berater für die Lösung der Probleme von heute sind. Gut, gibt es in Bern auch Politiker, die die heutige Problematik verstehen und einbringen und Medien, die sie kommunizieren.

Und wenn unsere Schiessklubs meinen, man könne Kinder vom «auf der Strasse absumpfen» bewahren, indem man sie an den Waffen ausbildet, so kommen sie mir vor wie die naiven Piloten-Ausbildner in den USA, die total seriös und verantwortungsbewusst die Terroristen zu den Piloten des 11. Septembers ausbildeten. Sollen wir auch 10-Jährige im Autorasen oder in Sexpraktiken ausbilden?

Natürlich sind die allermeisten, die bewaffnet sind, weder Mörder noch Amokläufer. Werden wir doch endlich erwachsen, friedlich und vernünftig. Sinnvolle Jugendarbeit sieht anders aus.
Christian Recher, Ziefen

Kinderschiesskurse.
Man kann nicht entsetzt sein über Amokläufe von Jugendlichen und ihnen gleichzeitig eine Waffe in die Hand geben! Kinder sind leicht manipulierbar, deshalb Ausbildungskurse für Erwachsene ja , für Kinder hingegen ein entschiedenes Nein!

Monique Rudolf von Rohr, Olten.

Per Email ans Forum

Ich leite eine Jugendschiessabteilung und wundere mich über den Umgang mit der Waffe in der Schweiz. Bei uns dürfen Kinder bereits ab 8 Jahren schießen, mit einem Lichtpunktgewehr. Der Grund ist das die Kinder mit einem „Sportgerät“ das Schiessen erlernen. Es ist jedoch nicht nur ungefährlich, mit einem Gewicht von 2,1 kg ist es auch dem Alter angemessen. Erst im Alter von 10 Jahren dürfen sie dann mit dem Jugendgewehr/Luftgewehr und nur mit einer Ausnahmegenehmigung damit schießen. Das Jugendgewehr wiegt 3,2kg und ab 12 Jahren schießen sie dann mit der für Wettkämpfe zugelassenen Waffe. Bis wir jedoch die Kinder betreuen dürfen, ist es ein langer Weg und es werden immer mehr Vorschriften. Trotzdem sind mir diese Vorschriften lieber als die jetzige Handhabung in der Schweiz! Dies wäre bei uns unmöglich, auch durch unsere Geschichte und weil wir auf die Gesundheit (körperlich wie psychisch) achten. Bei uns ist zu erkennen was Kinder- und Jugendarbeit bedeutet, alles andere ist verantwortungslos.

Heiko Metzner, Bürger - Jäger - Peine, BR Deutschland